„Wo fangen Menschenrechte an?“ – In den Schulen!
Die 9. Barbara-Schadeberg-Vorlesungen in Nürnberg
Am 21. November 2025 begann in Nürnberg – passend am Tag der Kinderrechte – die 9. Barbara-Schadeberg-Vorlesungen zum Thema „Kinderrechte und Menschenrechtsbildung an evangelischen Schulen“. Über zwei Tage kamen Wissenschaftler*innen und Personen aus dem evangelischen Schulwesen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg auf Einladung der Barbara-Schadeberg-Stiftung zusammen.
Kinder- und Menschenrechte als Grundlage evangelischer Bildung
Die Vorlesungstage stellten die historischen und aktuellen Grundlagen der Kinder- und Menschenrechtsbildung ins Zentrum. Die UN-Kinderrechtskonvention von 1989, die in Deutschland 1992 in Kraft trat, und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 bildeten den Rahmen für die zentrale Frage: Wie können evangelische Schulen Kinderrechte so verankern, dass sie den Alltag prägen und gleichzeitig Profilbildung, Demokratiepädagogik und evangelische Verantwortung stärken? Um die Frage zu beantworten, gaben in Vorlesungen, Präsentationen und Gesprächen Wissenschaftler*innen Einblicke, wie Kinderrechte im evangelischen Schulwesen verankert, gestärkt und in der pädagogischen Praxis sichtbar gelebt werden können. Außerdem wurden vier Schulen mit dem Barbara-Schadeberg-Preis ausgezeichnet, die auf beeindruckende Weise zeigen, wie Kinderrechte Schulkultur prägen und gestalten.
Einblicke in Forschung und Praxis
Prof. Dr. Manfred L. Pirner (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) eröffnete die Vorlesungen mit einem Plädoyer, Kinder- und Menschenrechte noch stärker in das Profil evangelischer Schulen einzuschreiben – als Ausdruck theologischer Verantwortung und als Chance, Schulkultur konsequent demokratisch, beteiligungsorientiert und glaubenssensibel zu gestalten. Entlang von vier Thesen zeigte Pirner, warum Kinder- und Menschenrechte an evangelischen Schulen „Chance und Herausforderung“ sind: Evangelische Schulen hätten in einer krisengeschüttelten, pluralen Gesellschaft die Möglichkeit, Bildung mit christlichen Werten zu verbinden und so den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern. Kinder- und Menschenrechte stärkten die Schüler*innen in ihrer Persönlichkeit. Dies weist eine hohe Kompatibilität mit dem evangelischen Bildungsziel auf, öffentliche (weltweite) Mitverantwortung zu fördern und zu stärken. Evangelische Schulen könnten, so Pirners Plädoyer, als Vorreiter, „wenn es um die Einhaltung von Kinder- und Menschenrechten an Schulen geht“, ihr evangelisches Profil durch die Umsetzung, Einhaltung und Sichtbarkeit von Kinder- und Menschenrechten stärken und weiterentwickeln.
Im zweiten Vortrag stellte Prof. Dr. Sonja Ertl (Universität Augsburg) empirische Befunde zum Thema Kinderrechte und Demokratiebildung an Grundschulen vor. Kinderrechte und Demokratiebildung seien in vielen Lehrplänen verankert, doch könnten Schüler*innen häufig nicht klar benennen, was Kinderrechte umfassen. Ihre Ausführungen hoben hervor, dass Kinderrechte sich in Schutzrechte, Förderrechte und Beteiligungsrechte untergliedern lassen. Dabei seien besonders Beteiligungsrechte in den Schulen wenig präsent. Auch die Mitbestimmung im Schulalltag gehe oft nicht über organisatorische Fragen hinaus. Ertl formulierte konkrete Empfehlungen: partizipative Unterrichtsformate, klare Mitbestimmungsräume für Schüler*innen und eine stärkere Verankerung von Kinderrechten in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften.
Daran knüpfte Franziska Trefzer (Friedrich-August-Universität Erlangen-Nürnberg) an, die am zweiten Tag der Barbara-Schadeberg-Vorlesungen die Ergebnisse ihrer durch die Barbara-Schadeberg-Stiftung geförderten Dissertation vorstellte. Sie hat ein Blended-Learning-Planspiel entwickelt, das Lehramtsstudierende und Religionslehrkräfte dafür sensibilisiert, Kinder- und Menschenrechte didaktisch reflektiert in den Unterricht einzubringen und konsequent umzusetzen. Ihre theoretischen Ausführungen wurden abgerundet durch die Möglichkeit, dass entwickelte Planspiel an verschiedenen Stationen kennenzulernen und zu ergründen.
Feierliche Preisverleihung – Vorbilder evangelischer Schulkultur
Ein Höhepunkt der zweitägigen Barbara-Schadeberg-Vorlesungen war die Verleihung des Barbara-Schadeberg-Preises 2025 am Abend des ersten Tages. Insgesamt vier Schulen wurden mit dem begehrten Preis ausgezeichnet für ihre herausragende Arbeit zur Verankerung von Kinderrechten im Schulalltag:
1. Preis: Wilhelm-Löhe-Schule Nürnberg (Evangelisch Kooperative Gesamtschule)
Die Schule überzeugte mit einem ganzheitlichen Konzept, in dem Kinderrechte fest im Schulprofil verankert sind. Gütesiegel markieren im Schulgebäude Orte gelebter Kinderrechte, ein jährlicher Kinderrechtetag setzt gemeinschaftliche Akzente, und die Schule reflektiert und entwickelt ihre Praxis konsequent weiter. Die Jury betonte, dass Kinderrechte hier sichtbar als Ausdruck gelebten Glaubens verstanden werden.
2. Preis: Evangelische Grundschule Eisenach – Katharina von Bora
Die Grundschule, die mit einer Gruppe von Schüler*innen angereist war, präsentierte ihr lebendiges Kinderparlament, das demokratische Mitwirkung fest im Schulalltag verankert. Selbstwirksamkeit, Mitverantwortung und Partizipation prägen die Schulkultur: Die Kinder wirken aktiv an allen sie betreffenden Entscheidungen mit – Schule wird so zu einem echten Lebensraum der Mitverantwortung.
3. Preis: Sonderpädagogisches Förderzentrum St. Laurentius, Neuendettelsau
Das Förderzentrum zeigt, wie Kinderrechte in sonderpädagogischen Kontexten alltagsnah und stärkenorientiert umgesetzt werden können. Die Schüler*innen gestalten Schulhof und Feste aktiv mit und arbeiten am Schutzkonzept der Schule mit. Besonders beeindruckend ist das Eselprojekt, in dem Kinder Verantwortung übernehmen, Fürsorge lernen und Vertrauen aufbauen.
Sonderpreis: Gymnasium und Institut Unterstrass, Zürich
Der Sonderpreis würdigte das innovative Programm Écolsiv, das Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung als Lernende an der Hochschule einbindet und dazu befähigt, als pädagogische Mitarbeitende an Schulen zu arbeiten. Das Projekt steht für eine konsequente Umsetzung von Teilhabe- und Menschenrechten im Bildungsbereich.
Für die musikalische Begleitung des feierlichen Abends sorgte der Musikleistungskurs der Wilhelm-Löhe-Schule, der das Publikum mit eindrucksvollen und bewegenden, musikalischen Darbietungen begeisterte – ein weiterer starker Akzent der Schulgemeinschaft im Rahmen der Preisverleihung.