Zur Lage der kurdischen Minderheit in Syrien

Worum geht es bei dem aktuellen Konflikt im Norden Syriens?

In Hamburg demonstrieren Menschen für Solidarität mit der kurdischen Minderheit in Syrien
In vielen Städten Deutschlands gibt es zur Zeit pro-kurdische Demonstrationen, so auch in Hamburg

Rot-weiß-grün mit einer strahlenden Sonne in der Mitte: Die Fahne des autonomen Kurdistans ist derzeit bei vielen Demonstrationen in Deutschland zu sehen. In Berlin, Frankfurt und vielen anderen Städten versammeln sich Tausende. In Dortmund kam es dabei mehrfach zu heftigen Auseinandersetzungen. Mehrere syrische Restaurants wurden dabei angegriffen und der Besitzer eines der Restaurants verletzt. Auch in den Sozialen Medien kocht es unter kurdischen und nicht-kurdischen Syrer*innen in Deutschland: Es fallen Begriffe wie „Verräter!“, „Mörder und Faschisten!“ und „Spalter des Vaterlands!“. Freundschaften zerbrechen, Menschen, die früher gemeinsam gegen die Diktatur von Bashar al-Assad kämpften und 2024 dessen Sturz feierten, schauen sich nun nicht mehr an.

Was ist der Hintergrund des Konfliktes?

Jahrzehntelang wurden die Kurd*innen in Syrien marginalisiert: Ihre Sprache und Kultur waren unter dem Regime der Al-Assads verboten und die nördlichen Provinzen Syriens wurden vernachlässigt. Mit dem Beginn des Aufstands 2011 änderte sich das. Schnell verlor die Regierungsarmee die Kontrolle über die nördlichen Provinzen. Sie wurden von der Terrormiliz IS erobert, die in Raqqa und Umgebung ihr Kalifat errichtete. Nunmehr bekamen die Kurd*innen eine strategische Bedeutung und wurden von den USA und auch Europa militärisch unterstützt. Den Syrian Democratic Forces (SDF) gelang es, den IS zurückzudrängen und zu besiegen. Die SDF übernahmen die Bewachung der gefangenen IS-Anhänger in großen Lagern.

Im Windschatten der Ereignisse entstand in den kurdischen Gebieten ein besonderes Gesellschaftssystem: Basisdemokratisch und mit Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern wurde Rojava zu einem Symbol. Auch deutsche Jugendliche schlossen sich der Bewegung an und reisten nach Rojava.

Wie hat sich die Lage nach dem Sturz von Bashar al-Assad verändert?

Auch in den kurdischen Gebieten wurde das Ende der Assad-Diktatur gefeiert. Allerdings hatten viele Kurd*innen Bedenken, wie sich ihr eher freiheitlicher Lebensstil unter dem neuen Präsidenten entwickeln würde. Bereits in den ersten Monaten der neuen Regierung kam es zu Kämpfen zwischen den SDF-Milizen und den Truppen, die der neuen Regierung unterstellt waren.

Hierbei ist zu bemerken, dass mit dem Sturz des Regimes die syrische Armee quasi aufgelöst wurde und der neue Herrscher von Damaskus sich militärisch auf die eigenen Kämpfer und verbündete Milizen stützt, die zum großen Teil aus dem islamistischen und ultra-islamistischen Spektrum kommen. In manchen Fällen ist die Frage erlaubt, wo genau die Grenzen zu den Truppen des IS verlaufen, die offiziell als Feind gelten und bekämpft werden sollen. Die Sorge vieler Kurd*innen ist also nicht unbegründet.

Im März 2025 gelang es Präsident Ahmad al-Sharaa, ein Abkommen mit der kurdischen Regierung zu schließen. Darin werden die kurdischen Gebiete als integraler Bestandteil Syriens genannt, der unter der Regierung von Damaskus stehe und dessen militärische Einheiten in die neue syrische Armee eingegliedert werden sollen. Im Gegenzug bekommen die kurdische Sprache und Kultur einen hohen Stellenwert. Schulen und Medien sollten entsprechend Kurdisch einbeziehen. Für die Umsetzung des Abkommens wurde eine Frist bis Ende 2025 vereinbart.

Für die neue Regierung in Damaskus ist es strategisch äußerst wichtig, die kurdischen Gebiete in Syrien zu integrieren. Die Öl- und Gasvorkommen werden für den Wiederaufbau der Wirtschaft gebraucht; ein autonomer kurdischer Staat würde zu massiven Problemen mit der Türkei führen, einem engen Verbündeten der neuen Regierung. Zudem ist eines der zentralen Probleme der Regierung von Ahmad al-Sharaa, eine einheitliche Armee aufzubauen, die einem gemeinsamen Befehlshaber verpflichtet ist. An die Stelle der Milizen, die sich beim Sturz der Diktatur zusammengeschlossen haben, aber dabei auch jeweils eigenen Interessen nachgehen, soll eine nationale Armee treten, in der Angehörige aller Bevölkerungsgruppen dienen.

Wie kam es zu den aktuellen Kämpfen?

Mit Ablauf der Frist zum Jahreswechsel kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Kurdische Truppen, die nicht dem SDF direkt unterstellt waren, besetzten zwei Stadtteile von Aleppo, und die Bilder eines brennenden Bürogebäudes in Aleppo gingen um die Welt. Die Regierungstruppen starteten daraufhin eine Offensive und eroberten weite Teile des Nordens von Syrien. Aus Raqqa wurden Freudenfeiern gemeldet, als die kurdischen SDF-Truppen aus der Stadt vertrieben wurden. Die mehrheitlich nicht-kurdischen Einwohner*innen hatten die kurdische Herrschaft als repressiv empfunden. Auch international verlor die kurdische Regierung an Unterstützung

Welche Rolle spielen die USA?

Bislang waren die Kurden im Norden Syriens ein strategischer Partner der USA. Sie wurden militärisch und politisch unterstützt, um den IS zu bekämpfen – und auch wegen der US-Rivalität mit der Türkei, Russland und China, die ebenfalls nach Einfluss in der Öl- und Gasregion streben. 
Mit Ahmad al-Sharaa ist nun ein Player im Spiel, der für die US-Regierung noch wertvoller zu sein scheint. US-Präsident Donald Trump nannte Al-Sharaa kürzlich einen „toughen, guten“ Typen und Ende Januar bestätigte der US-Sondergesandte, der sehr eng mit der Regierung von Ahmad al-Sharaa zusammenarbeitet, dass die US-kurdische Allianz beendet sei.

Die kurdische Regierung hat einem Waffenstillstandsabkommen mit der Zentralregierung zugestimmt; es wurde bis Mitte Februar 2026 verlängert. In dieser Zeit wollen die USA die 7000 gefährlichsten IS-Gefangenen in den Irak schaffen. Die Bewachung der verbliebenen Gefangenenlager wurde zum Teil von den syrischen Regierungstruppen übernommen, zum Teil ist weiterhin die SDF zuständig. Besorgniserregend ist, dass durch die Umbrüche zahlreiche Gefangene entkommen konnten. Viele sind geflohen und einige – es handelt sich um Minderjährige – wurden von den Regierungstruppen an deren Familien, die in der Umgebung leben, übergeben.

Die Krise um die IS-Lager kommt nicht überraschend. Direkt nach dem Sturz von Bashar al-Assad hatte die US-Regierung angekündigt, dass sie die Verwaltung der Lager beenden werde, und die europäischen Länder aufgefordert, ihre dort gefangen gehaltenen Staatsangehörigen zurückzuholen.

Was hat Deutschland damit zu tun?

Unter den mehreren Tausend Gefangenen sollen 30 Deutsche sein. Einige von ihnen gelten als stark radikalisiert. Es handelt sich dabei auch um Frauen und deren Kinder. Nach fast zehn Jahren im Lager unter schweren Haftbedingungen könnten sie für die innere Sicherheit in Deutschland gefährlich werden, befürchten Expert*innen. Damit dies nicht passiert, haben sich die Angehörigen mehrerer Gefangener nun an die Bundesregierung gewandt. Die Gefangenen müssten dringend zurückgeholt werden und in Deutschland ein Verfahren und Zugang zu Deradikalisierung bekommen.

Julia Gerlach