Notfallseelsorger sind „Botschafter des Lebens“
Notfallseelsorger wie Tim Martin Wisseler unterstützen Menschen bei Unglücken, Todesfällen und Schicksalsschlägen
Es gibt Situationen, die sprach- und hilfslos machen. Till Martin Wisseler weiß das. Er arbeitet als Beauftragter für Notfallseelsorge im hessischen Main-Kinzig-Kreis und war auch beim Anschlag in Hanau am 19.02.2020 im Einsatz. Im Interview spricht er über den Alltag, die Möglichkeiten und Grenzen der Notfallseelsorge.
Als Notfallseelsorger begleitet Till Martin Wisseler Menschen in Ausnahmesituationen.
Wie begegnen Sie Menschen in Notfällen? Was brauchen sie als „Erste Hilfe“, was auf keinen Fall?
Till Martin Wisseler: In Notfällen brauchen Menschen Sicherheit und Orientierung. Und die Entwicklung einer Perspektive. In der Notfallseelsorge treffen wir auf Menschen, die beispielsweise mit plötzlichem Tod von Zugehörigen konfrontiert sind − durch einen Unfall, einen Suizid oder aus anderen Gründen. Wenn Menschen große Angst erleben und Hilflosigkeit oder Ohnmacht empfinden, zu dem mit dem Tod konfrontiert sind oder starken Verletzungen, erleben sie das als sehr bedrohlich. Besonders dann, wenn sie sich der Situation nicht entziehen können und ihre bisher erlernten und angewandten Problemlösungsstrategien nicht mehr greifen.
Dann ist die Aufgabe der Notfallseelsorgenden, für die Betroffen da zu sein. Aufmerksam und respektvoll. Ihnen Sicherheit vermitteln durch Dasein und „mitgebrachte“ Ruhe. Ordnung in Unordnung bringen. „Erste Hilfe“ kann heißen, Gefühle zu normalisieren: „Was Sie angesichts der Situation empfinden und denken, ist normal. Auch wenn sich das ungewohnt und fremd anfühlt.“ Das entlastet etwas. Auch zuhören ist wichtig und erzähle lassen. Den Betroffenen die Möglichkeit geben, Gedanken und Emotionen rauszulassen, damit drinnen Herz und Seele nicht übervoll werden und reißen. Dann vielleicht gemeinsam herausfinden, was die die nächsten Schritte sein können. Für all das habe andere Einsatzkräfte kaum Zeit. In unserem Einsatzkoffer ist Zeit.
Was Betroffene auf keinen Fall brauchen, sind schnelle Lösungen, Vertröstungen oder Sätze wie „Das wird schon wieder“ oder „Seien Sie stark“. Auch Bewertungen oder vorschnelle Deutungen sind fehl am Platz.
Wie schaffen Sie es, möglichst schnell einen Kontakt zu den Menschen aufzubauen?
Wisseler: Indem ich mich vorstelle, wer ich bin, warum ich da bin. Ein ruhiger Ton ist wichtig. Oft reicht eine einfache Frage wie: „Möchten Sie, dass ich jetzt bei Ihnen bleibe und für Sie da bin?“ Körpersprachlich nicht bedrängen. Raum lassen für die Betroffenen, sich zu bewegen, selbst Nähe und Distanz zu mir zu bestimmen.
Was unterscheidet ein Gespräch im Rahmen der Notfallseelsorge von einem „normalen“ Seelsorge-Gespräch?
Wisseler: Notfallseelsorge findet mitten in einer akuten Krise statt. Es geht nicht um langfristige Lebensfragen, sondern um das Hier und Jetzt: Aushalten, Begleiten, Stabilisieren, Handlungsfähigkeit herstellen. Oft findet das in unüblichem Setting statt. Am Küchentisch oder auf dem zugigen Flur. Oder an einem anderen Ort. Je nach Lage. Wichtig ist, dass dieser Ort so weit wie möglich ein geschützter Ort ist, frei von Blicken und Ohren unbeteiligter Dritter.
Wenn Worte versagen: welche weiteren Möglichkeiten haben Sie?
Wisseler: Die Kompetenz der Notfallseelsorgenden liegt auch darin, zu erkennen, wann Gesten hilfreich sind: Dasein, Schweigen, vielleicht gemeinsam atmen. Manchmal hilft es, einem verstorbenen Menschen noch einmal nahezu sein, sofern es nicht durch eine polizeiliche Maßnahme per se ausgeschlossen ist. Den Tod im direkten Sinn des Wortes zu begreifen, kann viel bedeuten. Tatsächlich gibt es auch Situationen, die machen sprachlos oder das Wort bleibt im Hals stecken.
Welche Fälle überwiegen in der Praxis?
Wisseler: In unserer Region des Main-Kinzig-Kreises begleiten wir Menschen am häufigsten nach erfolglosen Wiederbelebungsmaßnahmen, nach Suiziden von Zugehörigen. Auch wenn die Nachricht vom Tod eines Menschen zu überbringen ist, begleiten wir auf Wunsch die Polizeibeamten. Große Unglücksfälle sind medial präsenter, machen aber zahlenmäßig nur einen sehr kleinen Teil aus.
Welchen Unterschied macht es, wenn Kinder beteiligt sind?
Wisseler: Einerseits kann es einen Unterschied für Einsatzkräfte machen. Wer selbst Kinder hat, parallelisiert schneller die eigene Lebenssituation mit der des Notfalls. Dann ist erst recht professionelle Distanz erforderlich, denn ich muss als Einsatzkraft arbeitsfähig sein. Manchmal ist es möglich, vor oder während des Einsatzes die Funktionen so zu tauschen, dass die eigene Betroffenheit besser handhabbar ist. Insgesamt geht es immer um die Kunst, mitzufühlen, aber nicht mitzuleiden.
Anderseits mit Blick auf die betroffenen Kinder: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie haben ihre eigene Weise, beispielsweise mit dem Tod umzugehen, je nach Altersstufe. Dann die Sprache der Kinder zu sprechen und ihre Perspektive auf den Tod einzunehmen, ist die Aufgabe der betreuenden Notfallseelsorger. Es gibt dazu schöne und hilfreiche Kinderbücher, mit denen man sich darauf gut vorbereiten kann, unabhängig von notwendigen Seminaren oder Fortbildungen. Wichtig ist, die Bindungspersonen der Kinder zu stärken - damit sie trotz eigener Krisensituation für ihre Kinder da sind. Anknüpfen an die Erfahrung von Vertrauen ins Leben. Schließlich brauchen Kinder Schutzräume − und zugleich klare, wahre Informationen.
„Angst, Wut, Entsetzen, Trauer − Hanau war eine Ausnahmesituation“
Was sind die besonderen Herausforderungen bei einem Suizid oder Suizidversuch?
Wisseler: Hier kommen oft Schuldgefühle, Scham, Wut und Sprachlosigkeit zusammen. Angehörige fragen sich quälend: „Hätten wir es verhindern können?“ Manchmal scheint das ein Versuch zu sein, das Unverstehbare zu verstehen und zu erklären. Wenn hier Trauernde einen Begründungszusammenhang finden, bewerten wir es nicht. Als Notfallseelsorge achten wir aber darauf, die Suche nach Verantwortung und Schuld nicht von außen zu vertiefen. Ich erlebe es als weiterführend, wenn der Schmerz der Betroffenen über diesen Tod im Mittelpunkt steht. Und auch hier kommt die Auslotung der nächsten Schritte dazu. Für die längerfristige Begleitung empfiehlt sich beispielsweise Gruppe agus e.V. - Angehörige um Suizid.
Was kann Notfallseelsorge im Idealfall bewirken – haben Sie ein Beispiel?
Wisseler: Im Idealfall erleben Menschen: Ich bin nicht allein, auch wenn gerade alles zu zerbrechen scheint. Mir hat einmal eine Witwe einige Wochen nach dem plötzlichen Tod Ihres unter widrigen Bedingungen verstorbenen Mannes und Vater eines Kindes im Grundschulalter gesagt – wir haben uns zufällig getroffen: „Ich weiß nicht mehr, was Sie in der Nacht gesagt haben, aber es war so gut, dass Sie da waren.“ Ein Gefühl von Entlastung höre ich daraus. Und Sicherheit. Die Frage nach der „Wirksamkeit“ von Notfallseelsorge oder psychosozialer Akuthilfe ist immer wieder Thema in den unterschiedlichen Berufsgruppen, die an Notfallseelsorge / Psychosozialer Notfallversorgung beteiligt oder interessiert sind. Hier könnten Studien mit Vergleichsgruppen weiterhelfen, das halte ich aber aus ethischen Gesichtspunkten für nicht vertretbar.
Sie waren auch beim Anschlag in Hanau 2020 im Einsatz. Wie haben Sie das erlebt?
Wisseler: Das war eine Ausnahmesituation: Angst, Wut, Entsetzen, Trauer – bei den unmittelbar Betroffenen und auch bei den Einsatzkräften. Dazu kam nach und nach die politische Dimension. Ich selbst war damals als Einsatzkraft ohne Leitungsfunktion in der Rettungswache des DRK eingesetzt – wir haben die eingesetzten Kräfte in Empfang genommen. Dasein, zuhören, mit aushalten. Der Unruhe Ruhe entgegensetzen. Notfallseelsorge eben. Insgesamt war es eine durchgehend angespannte, emotional und kognitiv sehr anstrengende Situation. Wir wussten lange Zeit nicht, wie die Lage genau aussah und sich entwickelt hat. Rückblickend wissen wir, dass die Tat innerhalb von wenigen Minuten erfolgt ist und es ein Einzeltäter war. In der Nacht selbst haben wir uns 3 Stunden später noch eingeschlossen, weil es hieß, in der Stadt würde noch geschossen.
In nahem zeitlichem Abstand gab es Einsatznachsorgeangebote für die Einsatzkräfte – auch für die Notfallseelsorgenden. Das war gut und hilfreich.
In den Jahren danach haben wir die Notfallseelsorge weiterentwickelt. Wir differenzieren stärker zwischen dem Angebot an Betroffene und dem Angebot an Einsatzkräfte. Auch haben wir unsere Leitungsstruktur weiter ausgebaut, um die Schnittstelle zu anderen Einsatzorganisationen besser managen zu können. Auch eine Support- und Beratungsstruktur für die im Einsatz befindlichen Notfallseelsorger:innen konnten wir so etablieren.
Gibt es Unterstützung über den Tag hinaus?
Wisseler: Notfallseelsorge in unserer Region ist bewusst kurzfristig angelegt. Aber wir lassen Menschen nicht einfach fallen: Auf Wunsch vermitteln wir weiter an Beratungsstellen, Kirchengemeinden oder auch Selbsthilfeangebote. Die Vernetzung ist ein zentraler Teil unserer Arbeit.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit kirchlichen und nicht kirchlichen Partnern?
Wisseler: Sehr eng und vertrauensvoll. Wir arbeiten mit Rettungsdiensten, Polizei und Feuerwehren zusammen. Jede Profession hat ihre Rolle – und genau das macht die Hilfe wirksam.
Was sollte jemand mitbringen, der in der Notfallseelsorge tätig sein will? Und was macht diese Arbeit wertvoll?
Wisseler: Man braucht emotionale Stabilität, die Fähigkeit zuzuhören, Teamfähigkeit und die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Und eine gute körperliche Verfasstheit: Wie sind bei Wind und Wetter unterwegs, auch nachts.
Wertvoll ist diese Arbeit, weil sie zutiefst menschlich ist: In den dunkelsten Momenten des Lebens für andere da zu sein und dem Licht die Tür öffnen, auch wenn es manchmal nur ein Spalt breit ist. Eine Dokumentation zur Tätigkeit der Notfallseelsorge trägt den Titel „Botschafter des Lebens“ – das trifft es sehr gut.
Interview: Jörg Echtler